Aus Angst
Ich kann Kuchen backen. Einfach aus Mehl, Zucker, Milch und Eiern, mal mit Obst und mal mit Kakao oder Zitrone verfeinert. Auch Brot, sogar aus Sauerteig und ohne Hefe.
Aber glauben Sie nicht, ich mache das aus Spaß. Es ist die bloße Angst.
Jeden Tag jogge ich, mache anschließend Dehnungsübungen und leichte Gymnastik. Nichts, worunter meine Knochen langfristig leiden könnten. Ich halte mich über die Forschungen auf diesem Gebiet auf dem Laufenden.
Halten Sie mich nicht für einen Gesundheitsfanatiker. Ich tue das auch erst, seit ich weiß, dass ich davon nicht länger lebe. Aber ich werde gesünder sterben. Deshalb esse ich jetzt auch mehr Obst und Gemüse, ich rauche nicht und trinke nur das eine bekömmliche Glas Wein am Abend.
Mein Problem ist, dass ich mich so gut in andere Menschen hinein versetzen kann. Versuchen Sie das auch mal, dann werden Sie bald so denken wie ich. Dann werden Sie auch Angst bekommen.
Wenn Sie Kinder haben, versetzen Sie sich in die hinein. Wenn nicht, nehmen Sie natürlich Ihr Patenkind. Das haben Sie, das ist klar. Dafür reichen die Kinder noch.
Damit es nicht so schwer wird, stellen Sie sich die Zeit vor, wenn Ihre Kinder so alt sind, wie Sie jetzt. Stellen Sie sich vor, Sie kommen zu Ihren Kindern zu Besuch, zum Kaffee. Wundern Sie sich nicht, Ihre Kinder werden Ihnen vielleicht keinen Kaffee geben, Ihre Patenkinder schon gar nicht. Bei einem Glas Wasser aus der Leitung werden Sie sich Vorwürfe anhören müssen.
„Was habt Ihr Euch dabei gedacht“, werden Sie gefragt werden, „das Geld auszugeben, das Ihr gar nicht verdient habt? Ständig Schulden zu machen, die wir jetzt zurück zahlen müssen?“
Glauben Sie nicht, Sie könnten denen weismachen, das ging nicht anders. Denken Sie daran, die werden das ganze Leben schuften, um unsere Schulden zurück zu zahlen. Erzählen Sie denen nichts von armen Bergarbeitern, denen man das Kohleabbauen subventionieren musste. Reden Sie nicht von Oma und Opa, die auch eine ordentliche Rente brauchten. „Ordentlich?“ werden diese Leute fragen, von denen Sie nicht mehr glauben werden, dass das mal die braven Steppkes von einst waren, „ist das vielleicht ordentlich, was uns zum Leben bleibt, nachdem Ihr Eure Rente von unserem Gehalt abgezweigt habt?“
Ja, das wird spannend, wenn dann die vielen Patentanten und –onkels um zwei, drei junge Erwachsene herum sitzen. „Warum habt Ihr nicht wenigstens genug Kinder in die Welt gesetzt? Dann wären wir jetzt ein paar Leute mehr, die Euch durchfüttern müssen!“
Werden Sie dann von Ihren Karriereplänen reden wollen, vom eigenen Leben, dass Sie aufbauen wollten, von Ihren Plänen. Die Sie hatten als Sie jung waren und in die Kinder nun mal leider nicht passten? Wohl eher nicht, denn Sie sind zwar in der Überzahl, aber Sie sind abhängig von den Almosen, die Ihnen die paar jungen reichen werden.
Vielleicht wird man Sie das nicht fragen, aber Sie werden den Vorwurf nicht übersehen können in den Augen der müden jungen Menschen: „Und warum sterbt Ihr nun nicht wenigstens? Warum werdet Ihr immer älter?“
Nein, das wird man nicht fragen. Wir werden unsere Kinder und Patenkinder ja gut erzogen haben. Schweigend wird man Ihnen das Wasser und das Brot hinreichen, und Sie werden beschämt die Augen senken.
Und Sie werden Angst haben, dass doch jemand fragt.
Sie können nichts mehr dagegen tun. Es ist zu spät. Es wird so kommen. Deshalb sorge ich dafür, dass ich mit dem nötigsten auskommen kann. Dass ich hoffentlich nicht krank werde. Ich will mich wenigstens allein versorgen können, ich will nicht die Augen niederschlagen.
Und wenn sie kommen, um zu fragen, kann ich ihnen wenigstens einen Kuchen backen. Das hift.
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