Leitfadeninterviews
Wenn der Interviewer bereits über Vorwissen zum Gegenstand verfügt, dieses aber nicht nur quantitativ sondern auch qualitativ weiterentwickeln möchte, wird er sich vor Interviewbeginn einen Leitfaden erarbeiten. Mit einem Leitfaden strukturiert und plant der Interviewer das Gespräch, er steckt den groben Ablauf und die Struktur des Interviews ab, ohne dass er den Experten in seinen Ausführungen einschränkt.
In der empirischen Sozialforschung unterscheiden wir hier das systematisierende und das theoriegenerierende Experteninterview.
Im systematisierenden Interview geht es um die möglichst vollständige Abfrage von Handlungs- und Kontextwissen des Experten über bestimmte Ausschnitte des Analy-segegenstandes. Das Interview folgt in diesem Falle einem möglichst ausdifferenzier-ten Leitfaden. Der Experte wird als Ratgeber gesehen, der detailliert über objektive Tatbestände Auskunft gibt.
In der Anforderungsanalyse verwendet man die Methode des systematisierenden In-terviews häufig. Leitfäden werden aufgrund von Vorwissen des Analysten, durch Analyse vorhandener Anforderungsdokumente oder durch Zielstrukturen der Analy-sedokumente entwickelt. Ziel ist es dabei, die Geschäftsprozesse hinreichend exakt und lückenlos zu beschreiben.
Das theoriegenerierende Interview bezieht die subjektive Dimension des Experten mit ein. Hier soll nicht nur ermittelt werden, wie etwas ist, sondern wie es sein sollte und warum es so ist bzw. ob es auch anders sein könnte und welche Vor- und Nachteile sich daraus ergäben.
In der Anforderungsanalyse werden theoriegenerierende Interviews geführt, um aus Geschäftsprozessmodellen Software-Anforderungen abzuleiten und zu spezifizieren. Insbesondere bei der Formulierung von Lasten- und Pflichtenheften findet diese In-terviewform Anwendung.