Münster, Dom
Man betritt den Dom in Münster durch das Paradies. Das Hauptportal wurde nicht wieder hergestellt während des Wiederaufbaus der Bauwerks, welches bei den schweren Bombenangriffen des zweiten Weltkrieges völlig zerstört worden war. Ich hatte nicht gewusst, bevor ich nach Münster kam, dass ein solcher Vorbau, eine seitliche Eingangshalle Paradies genannt wird, und ich weiß bis heute nicht, warum das so ist.
Viele Geschichten könnten in dieser Vorhalle ihren Anfang nehmen, je nachdem, in welche Richtung sich der Betrachter wendet, wo er verweilt. Betritt er jedoch zügigen Schrittes den Dom, um sich dann direkt nach rechts zu wenden, durchmisst er, ohne zu verweilen, das gewaltige Haupthaus, lässt er den Altar und die Astronomische Uhr links liegen, dann gelangt er zu den Galenschen Kapellen und dort endlich zu einer schlichten, metallenen Platte in der er die Worte verewigt findet:
„Du sollst Gott mehr gehorchen als den Menschen“
Diese Worte werden hier im Münsteraner Dom mit einem Manne in Verbindung gebrach, dessen Gestalt überlebensgroß mit mahnender Geste den Dompatz dominiert: Kardinal von Galen, Bischof von Münster zu Zeiten der Nazi-Herrschaft. Aber er hat sie nicht erdacht, ha dies sicherlich auch nie für sich reklamiert. Sie finden sich in der Apostelgeschichte (5,29), Petrus spricht sie zu den Jüngern als sie von den Herrschenden aufgefordert werden, Jesus zu verleugnen.
Der Satz findet sich in den Jahrhunderten der christlichen Tradition immer wieder. So verwendet sie z.B. der Maler Caspar David Friedrich als Einleitung in einem Text, in welchem er über seine Kunst, über die Wurzeln und Ziele seines Werkes sinniert.
Was ist Gott, was ist der Glaube für den gläubigen Menschen?
Es ist wohl das Wissen um etwas Wahres und Gutes, welches unabhängig ist von den menschlichen Mächten, die den Einzelnen bedrohen und beherrschen. Es ist das tief im Innern mahnende Wissen, welches ihm sagt, dass da etwas nicht richtig sein kann, was mir der Mächtige als richtig einreden will, und sei es im Namen Gottes, sei es im Namen irgendeiner Idee oder einer Ideologie.
Als von Galen den Satz aus der Apostelgeschichte beschwor, beschwor er die Menschen auf ihre innere menschlich Stimme mehr zu hören als auf die lauten Tiraden aus den Megafonen. Als ich selbst diesen Satz, hier im Münsteraner Dom, das erste Mal las, waren gerade 5 Jahre seit dem Untergang der letzten ideologisch begründeten Diktatur, in der ich aufgewachsen war, vergangen. Er berührte mich tief.
Wir leben nun in Deutschland in einer Zeit, in der es keine Mächtigen mehr gibt. Jeder, der heute Macht ausübt, hat diese nur auf Zeit. Das ist ein Glück, aber reicht das aus? Können wir achtlos über die Messingplatte im Dom hinweggehen? Natürlich ist es gut, dass die Macht der Mächtigen dahin ist. Aber noch immer gibt natürlich es Menschen die ihre Macht, sei es ihre ökonomische, ihre geliehene politische oder ihre rhetorische Macht, nutzen, um unsere tiefe innere Stimme zu übertönen. Sie sitzen nicht nur in Konzernzentralen und Regierungsgebäuden, es sind auch die Gewerkschaftsfunktionäre, die Medienmultis und die Pseudoexperten an den Mikrofonen.
Die innere Stimme ist leise in diesem Geschrei. Sie nur zu hören, kostet schon Kraft. Ihr zu trauen, ihr zu folgen, braucht immer noch Mut.
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